Ein (Hobby-)Handwerker hat einen Stromschlag erlitten, bei der Festnahme wurde eine Elektroschockpistole verwendet – wenn die ob Unfälle mit Spannung wirklich spannend sind oder eigentlich ganz entspannt, darum dreht es sich diesmal…
Allgemeines / Pathophysiologie:
Die Stromwirkung ist abhängig von der Stromstärke (Ampere), diese setzt sich aus Volt und Watt zusammen. Von Hochspannung spricht man erst ab einer Spannung von 1000 Volt. Weiterhin wird zwischen Gleich- und Wechselstrom unterschieden, gemeint ist die Polarität, welche entweder gleich bleibt oder sich in einer gewissen Frequenz (Hertz) umkehrt.
Während Niederspannungsunfälle eine Letalität von ca. 3% (meist unmittelbar durch Herzstillstand) aufweisen, liegt die Letalität von Hochspannungsunfällen bei etwa 30%. Niederspannung in Form von Haushaltsstrom hat durch die Eigenschaft des Wechselstromes eine proarrhythmogene Wirkung. Hochspannungsunfälle gehen häufig mit einem thermischen Trauma im Bereich des Stromflusses einher.
Die Schädigung durch Stromfluss erfolgt über drei Wege:
- thermische Schädigung (insb. bei Hochspannung oft unterschätzt)
- Zelldepolarisierung/Membrandefekt (insb. am Myokard)
- Sekundärtraumen durch Kontraktion der Skelettmuskulatur
Diagnostik / Risikostratifizierung:
- IMMER 12-Kanal EKG
- Labordiagnostik nur bei Vorliegen von Risikofaktoren!
Typische EKG Veränderungen nach Stromunfall:
- Neue (inkomplette) Rechts- oder Linksschenkelblockierungen
- ST-Streckenveränderungen (inkl. QTc-Veränderungen)
- Arrhythmien (Vorhofflimmern, Extrasystolie, AV-Blockierungen)
Klinische Untersuchung
- Untersuchung der Haut besonders auf kleine Strommarken
- Orientierend neurologische Untersuchung
Risikofaktoren:
- Hochspannung (> 1000 Volt)
- Initiale oder protrahierte Bewusstlosigkeit / Bewusstseinsstörung
- Schwangerschaft
- kardiale Vorerkrankung (insb. Schrittmacher/ICD-Patient:innen)
- kardiopulmonale Beschwerden (Brustschmerz, Dyspnoe)
- sekundäre Verletzungen (Verbrennung, starke Muskelschmerzen, Trauma etc.)
Troponin
Teilweise wird eine routinemäßige Bestimmung von Troponin bei allen Patient:innen nach Stromunfall empfohlen, allerdings unter Expert:innen kontrovers diskutiert. Aufgrund des sehr niedrigen Risikos für Patient:innen ohne Risikofaktoren bei unauffälligem EKG und <1000 Volt Spannung halten wir eine routinemäßige Troponinbestimmung für verzichtbar und mit einer zusätzlichen Wartezeit und Klinikeinweisung verbunden. In jedem Fall sollten aber regionale Verfahrensanweisungen beachtet werden.
Weiteres Management:
Unauffälliges 12-Kanal EKG + keine Risikofaktoren Entlassung ohne weitere Maßnahmen
Bei mind. einem Risikofaktor bzw. (neuen) EKG Veränderungen:
- Labordiagnostik
- Troponin / CK-MB (Abklärung eines myokardialen Schadens)
- CK/Myoglobin + Myoglobin im Urin (Rhabdomyolyse)
- Monitorüberwachung:
- 2-24h (Risiko für Arrhythmie nimmt nach wenigen Stunden deutlich ab)
Immer: Therapie der Begleiterkrankungen / -verletzungen.
Sonderfälle:
Elektroschockpistole (z.B. Taser)
Elektroschockpistolen werden von der Polizei bei Festnahmen eingesetzt, sie können über mehrere Meter Entfernung kleine Pfeile mit angeschlossenen Drähten verschießen, welche bei der beschossenen Person oberflächlich in die Haut eindringen und dann Schockimpulse übertragen. Hierbei treten hohe Voltzahlen bei nur wenigen Amper auf und führen zu unmittelbarer Handlungsunfähigkeit. Nach Stoppen der Stromimpulse ist die betroffene Person wieder umgehend handlungsfähig.
Notfallmedizinisch kann die Entfernung der Pfeile und die medizinische Nachbetreuung relevant werden. Hierzu wurde erst kürzlich von der TREMA eine Anleitung und ein Flussdiagramm veröffentlicht.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Stromabgabe bei gesonden Personen vollkommen ungefährlich, wenn auch schmerzhaft ist. Die Pfeile sollten vollständig entfernt werden und im Anschluss an die Polizei übergeben werden. Die betroffene Person ist auf Sturzfolgen zu untersuchen, zudem muss ein 12 Kanal EKG geschrieben werden.
Sind EKG und körperliche Untersuchung unauffällig, müssen keine weiteren Maßnahmen mehr getroffen werden.
Der Weidezaun
Hohe Spannungen (>10.000 Volt) sind aufgrund der geringen Stromstärke und kurzen Kontaktzeit bei nachfolgend asymptomatischen Patienten vollkommen ungefährlich!
Weitere Infos
Die Nerdfacts zum Thema Stromunfall findest du hier.
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Quellen:
- Ahmed, J., Stenkula, C., Omar, S. et al. Patient outcomes after electrical injury – a retrospective study. Scand J Trauma Resusc Emerg Med 29, 114 (2021).
- Waldmann V, Narayanan K, Combes N, Marijon E. Electrical injury BMJ 2017; 357 :j1418 (mit Infographik)
- Chen EH et al. Do children require ECG evaluation and inpatient telemetry after household electrical exposures? Ann Emerg Med 2007;49:64–7
- Searle J et al. Cardiac monitoring in patients with electrical injuries. An analysis of 268 patients at the Charité Hospital. DtschArzteblattInt 2013;110:847–53
- Hansen SM et al. Mortality and risk of cardiac complications among immediate survivors of accidental electric shock: a Danish nationwide cohort study. BMJ Open 2017;7:e015967
- Wörnle, M. Stromunfall – ein pragmatischer Algorithmus. Notfall Rettungsmed 27, 192–194 (2024). https://doi.org/10.1007/s10049-023-01238-6

Danke für den wunderbaren Beitrag! Eine Frage, wie sieht das Vorgehen bei Kindern aus, insbesondere im Niederspannungsbereich?